weibliche genealogie
eine geschichte der unterbrechungen und zerstückelung

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die neuere zivilisationsgeschichte zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass man immer bemüht war die genealogie der frau zu zerstückeln, unterminieren und unterbinden. insbesondere das vordergründigste und stärkste band, das zwischen mutter und tochter, zwischen meisterin und lehrtochter. dies vollzog sich über religio, gesetze, gesellschaftlich strikt sanktionierten regeln, via handwerkergilden, speziellen korporationen, via erbrecht und auch nicht zu knapp via psychoanalyse.
sicher zwei der nachhaltigsten methoden waren, dass die junge frau nach der heirat in den haushalt des ehegatten zu leben hatte und für ihre mutter, ihre herkunftsfamilie verschwand.
nicht ganz unwesentlich haben die unterbittlichen verfolgungen, da konnte jeder noch so fadenscheinige vorwand reichen, tausender von frauen während der schrecklichen phase des hexenwahnes* und deren hinrichtungen dazu beigetragen, dass eine dumpfe angst unter den frauen bedrohlich, gegenwärtig war.
*diese phase erstreckte sich etwa von anfangs 15. bis mitte 18. jahrhundert.


die junge frau wurde so vom erfahrungsschatz der älteren, ihrer gleichaltrigen frauen, schwestern, cousinen, freundinnen getrennt. verpflanzt in eine ihr oft elemental fremden andro– und patrizentrischen welt, hatte sie sich zurecht zu finden und somit bei adam zu starten. sie brachte kostbare lebensenergie in diese fremde welt ein und merkte — und erkennt noch heute — meist spät oder zu spät , dass sie noch soviel von sich, ihrer lebenszeit– energie hineinbuttern kann, dass sie sich noch so härzig und lieb, anpassen und verleugnen kann, sie wird nie eine von denen sein.
es ist und bleibt ein mit allen mitteln der kunst abgesicherter exklusiver herren-​​club.
eigentlich sollte eine jede schon stutzig werden wenn sie sich in der galerie der grossen vorbilder androzentrischer kulturen umschaut. ein vater, ein sohn, ein heiliger geist.
ein oberster chef und dann noch ein paar andere oft kriegerisch gestimmte gefolgsmänner.
kirche, religionen und sport könnten der aufmerksamen beobachterin so manchen hinweis liefern, wo und wie der hase läuft.


die diade: mutter kind, mutter-​​tochter wird gesprengt, sind bildlich und sprachlich nicht mehr repräsentiert.
die triade: grossmutter, mutter, tochter/​enkelin lebt nur noch für diejenigen, die einen sinn dafür haben in bild, sprache und sitten weiter.
die quadriga: alte, grossmutter, mutter, tochter muss frau sich zusammensuchen.
denn alle vier kommen meist vereinzelt, zahmgezurrt, verzerrt und oft verharmlost in sagen, volksmärchen, in den gängigen religionen, an alten heiligen orten, in der natur vor.
wo die frau sie findet, auf eine oder mehrere dieser vier trifft kann sich kraft, leben und tod, die ganze kosmologie des seiens offenbaren.
oft genügt ein teil, um alle vier in einer wieder aufleben zu lassen.


pfingstgedanken einer unverbesserlichen/​2016/​ ak

Auf der einen Seite Beziehung der Frauen unter Frauen ohne soziale Form — nur zum Überleben, nur um unter uns das zum Ausdruck zu bringen, was von uns in der Gesellschaft nicht zum Ausdruck kommt;
auf der anderern Seite Frauen, die sich mit der gegebenen Realität messen, ohne eine Beziehung untereinander zu haben.
In einer Gesellschaft, in der die weibliche Differenz frei zum Ausdruck kommen kann,
ist dieses doppelte System nicht mehr gegeben; die einzelne beruft sich auf die gesellschaftliche Autorität ihres Geschlechts, wenn sie der Welt entgegentritt.

*libreria delle donne di milano, wie weibliche freiheit entsteht, s.179


eine frau, die als frau von einer frau geboren worden ist
die sich nicht auf diese zugehörigkeit beruft
der fehlt die basis, der grundton

die erkennung
die anerkennung
das sich darauf berufen
der bezugrahmen
diese zugehörigkeit ist voraussetzung für
die grundlegende beständigkeit
die keiner willkür von wo und wann und wie untersteht
die auf keine zuteilung und gewährung von irgendetwas von seiten der männer angewiesen ist
es ist dies das lebensband, das sie nährt und trägt
das ihr ermöglicht als eine ihresgleichen in die welt zu treten und für sich einzustehen
das ihr ermöglicht das eigene einzubringen
für sich etwas zu wollen, anzustreben und dafür auch den angemessenen preis zu zahlen

die gegebenheit eine frau, die als frau von einer frau geboren worden ist, zu sein

kann frau weder gewinnen noch verlieren, sie hat sie einfach
sie ist nicht veräusserbar
aus dieser gegebenheit und dem wissen dazu zu gehören entsteht ein freiheitsgrad

aus dieser gemeinsamen gegebheit eine frau, die als frau von einer frau geboren worden ist, zu sein

verliert differenz untereinander das existenziell bedrohliche
differenz verliert das stigma des verrates
differenz ist das movens, die einladung zum handel, zum verhandeln und aushandeln
differenz ist nicht mehr ein mangel, sondern macht vielfalt, fülle und austausch erst möglich

die hier aufgeführten gedanken nehmen bezug, auf das buch libreria delle donne di milano, wie weibliche freiheit entsteht
antigone kunz


Die Politik der Frauen hat nicht zum Ziel, die Gesellschaft zu verbessern, sondern die Frauen zu befreien und ihnen freie Enstscheidungen zu ermöglichen.
Sie zu befreien von der Pflicht, sich für ihre Differenz rechtfertigen zu müssen, und von allen Formen der Sklaverei in der Gesellschaft, die diese Pflicht mit sich bringt, was die Geschichte der Menschheit zu Genüge illustriert.

*libreria delle donne di milano, wie weibliche freiheit entsteht, s.150